Von Potter bis Physiologus – Der Phönix in moderner, abendländischer und antiker Literatur

Einleitung

Der Phönix aus Harry Potter zählt bei den Fans zu den beliebtesten Fabelwesen der Fantasy-Reihe. Dies lässt sich zweifelsohne auf sein anmutiges Äußeres und seine liebenswürdigen Eigenschaften zurückführen, welche ihn besonders in zwei der sieben Bücher, Harry Potter and the Chamber of Secrets und Harry Potter and the Order of the Phoenix, zu einer Schlüsselfigur im Plot werden lassen. Dass er sogar namensgebend für eine wichtige Zauberervereinigung in der Geschichte und somit auch für den Titel des fünften Bandes ist, unterstreicht seine Bedeutung in diesem Kontext.

Was viele Fans nicht wissen: Bei diversen Fantastic Beasts bediente sich die Autorin antiker oder abendländischer Vorbilder, deren Aussehen und Eigenschaften sie häufig zu großen Teilen für ihre Geschichte übernahm. So sind der Basilisk, Zentauren und Einhörner, ja selbst der dreiköpfige Hund keineswegs neue Erfindungen, sondern waren bereits in der mittelalterlichen Literatur verbreitet.

Dieser Artikel wird sich  mit der Frage beschäftigen, inwiefern sich die Darstellungen des Phönix‘ in Harry Potter und dem ergänzenden Lexikon Fantastic Beasts and where to find them von denen in mittelalterlichen Werken wie dem Millstätter Physiologus unterscheiden oder sich gleichen.

Der Phönix als treues Haustier: Fawkes

„Professor, […] your bird – I couldn’t do anything – he just caught fire“[1]

Der Phönix Fawkes taucht erstmalig im zwölften Kapitel des zweiten Bandes Harry Potter and the Chamber of Secrets auf. Während der Zauberschüler auf den Schulleiter wartet, entdeckt er infolge eines „eigenartige[n], würgende[n] Geräusch[es] hinter ihm“ („strange, gagging noise behind him“[2]) einen heruntergekommen aussehenden Vogel, welcher einem halb-gerupften Truthahn ähnelt[3] und auf einer goldenen Stange sitzt. Er wird als kränklich aussehendes Geschöpf mit ausdruckslosen Augen und einem permanent an Volumen verlierendem Federkleid vorgestellt, als er auch schon wenige Zeilen im Anschluss in Flammen aufgeht. Inmitten eines lodernden Feuerballs gibt der Vogel einen lauten Schrei von sich, bevor er zu einem Haufen Asche auf dem Boden zusammenfällt. Wie sich schnell herausstellt, hat Harry jedoch gerade nicht dem dramatischen Feuertod des Haustieres seines Schulleiters beigewohnt, sondern wurde lediglich Beobachter eines regelmäßigen Spektakels. Als Albus Dumbledore bei seinem Eintreffen den aufgelösten Zwölfjährigen vorfindet, erklärt er ihm, dass Phönixe in Flammen aufgingen, wenn es Zeit für sie sei, zu sterben um aus der Asche wiedergeboren zu werden. Dies geschieht sogleich im nächsten Moment:
„A tiny, wrinkled, new-born bird poked its head out of the ashes. It was quite as ugly as the old one.“[4]

Dumbledore fährt fort, dass Fawkes, abgesehen von der Zeit vor und an seinem „Burning Day“, mit seinem wundervollen roten und goldenen Gefieder sehr stattlich aussehe. Außerdem erwähnt er im Folgenden, dass Phönixe faszinierende Geschöpfe seien, aufgrund ihrer Fähigkeiten, ungemein schwere Lasten tragen zu können und Tränen mit heilenden Kräften zu besitzen. Zudem seien sie sehr treue Haustiere.

Phönixdarstellung[5]
Dies beweist sich vor allem im fünften Buch Harry Potter and the Order of the Phoenix, als Fawkes einen für Dumbledore bestimmten Todesfluch mit dem Schnabel auffängt. Offenbar kann dem Vogel neben einem natürlichen und endgültigen Tod auch ein solcher Fluch nichts anhaben, da er zwar nach der Rettung seines Besitzers in Flammen aufgeht, jedoch auch im Anschluss einfach wieder aus der Asche aufersteht.[6]

Gegen Ende des Buches erfährt der Leser dann noch einige zusätzliche Eigenschaften des Vogels, dessen Namen J.K. Rowling vermutlich in Anlehnung an einen Sprengstoff-Attentäter aus dem Jahre 1605 und die gleichzeitige Symbolfigur der alljährlichen Bonfire Night gewählt hat.[7] So ist der Phönix scheinbar in der Lage, eine Musik zu erzeugen, welche als „schaurig, den Rücken kalt herunterlaufend, überirdisch“ („eerie, spine-tingling, unearthly“[8]) beschrieben wird. Sie wirkt ergreifend auf Harry, der das Gefühl hat, sein Herz würde auf die doppelte Größe anschwellen. Die Melodie erreicht eine solche Tonlage, dass er sie als Vibration in seinem Körper spüren kann. Offenbar kann sie auch allein durch ihre Frequenz Feuer entfachen.[9] Im von Joanne K. Rowling ergänzend zur Geschichte verfassten Bestiarien-Lexikon Fantastic Beasts and where to find them wird hierzu erklärt, dass der magische Gesang des Vogels den Mut in reinen Herzen steigere und Angst in unreinen Herzen sähen würde.[10] Der Phönix hat die Größe eines Schwans, einen glitzernden goldenen Schwanz, dessen Federn die Länge von Pfauenfedern haben und sich „seltsam heiß“ („strangely hot[11]) anfühlen. Des Weiteren besitzt er goldene Krallen, verfügt über einen scharfen langen Schnabel und wachsame schwarze Augen. In Harry Potter and the Order of the Phoenix wird zudem deutlich, dass der Phönix fähig ist, zu apparieren.[12] Dies schreibt Joanne K. Rowling auch in ihrem Nachschlagewerk. Dort steht außerdem, dass der Phönix sein Nest auf Bergspitzen in Äqypten, Indien oder China zu bauen pflegt und eine sanftmütige Art besitzt. Da er nicht tötet, besteht seine Nahrung ausschließlich aus Kräutern.

Der Phönix als Ebenbild Gottes

Im Millstätter Physiologus, welcher wahrscheinlich um 1200 abgefasst wurde, wird der Phönix mit Gott höchstpersönlich in Verbindung gebracht, der sich mit dem Vogel vergleicht:

Ich han gewalt, minen lip ze lazzene unde widir ze nemene |
andir nieman hat ubir mich gewalt[13]

So stünde der Vogel selbst für Christus, seine Flügel für das Alte und das Neue Testament.[14] Auch hier wird als Heimat des Vogels Indien[15] genannt. Während Joanne K. Rowling nur davon schreibt, dass der Phönix ein hohes Alter erreichen könne, geht der unbekannte vermutlich geistliche Verfasser des Naturlehrbuches mehr ins Detail.
Mit dem Erreichen seines fünfhundertsten Lebensjahres, beginnt der Phönix hiernach im März mit den Vorbereitungen für seine Auferstehung. Er fliegt in einen Wald mit dem Namen Libanus und baut aus den dort gesammelten duftenden Kräutern ein Nest, unter das er viel Holz legt. Anschließend fliegt er mit einem Hölzchen zur Sonne und fängt dadurch Feuer. Danach begibt er sich in sein Nest und verbrennt darin. Aus seiner Asche entsteht am ersten Tag ein Wurm, welcher sich im Verlaufe des zweiten Tages zu einem Vogel entwickelt und „am dritten sieht er aus wie vorher, nämlich bewundernswert“.[16] Was dieses Erscheinungsbild im Detail ausmacht, wird nicht beschrieben. Im Text der Ebstorfer Weltkarte ist dafür aber von neun Tagen die Rede, die es braucht, bis der Phönix sich wieder als ein Vogel aus der Asche erheben kann.

Die Auferstehung des Phönix‘ auf der Ebstorfer Weltkarte [17]
Die Regenerationszeit scheint also nicht festgelegt zu sein. Bei Harry Potter handelt es sich sogar nur um wenige Minuten. Für diese Zeitkürzung könnte sich die Autorin aber auch wider besseren Wissens aus dramaturgischen Gründen entschieden haben.
Isidor von Sevilla geht in Ethymologiae auf die Namensgebung des Vogels ein. Diese ergebe sich in Anlehnung an seine purpurne, also phönizische Farbe „oder weil er auf der ganzen Welt einzig und einmalig ist. Denn die Araber meinen mit phoenix einzigartig“.[18] Dieser Fakt findet sich in zahlreichen Schriftstücken aus dem Mittelalter.[19] Hier und da wird er zwar nicht explizit als solcher genannt, jedoch ist in der abendländischen Literatur nahezu immer von „dem Phönix“ in der Einzahl die Rede. Auch wird nirgendwo beschrieben, wann und auf welche Weise der Phönix zum ersten Mal geboren wird, was darauf hindeutet, dass er sich nicht mit einem Artgenossen fortpflanzen und Eier legen kann, sondern vermutlich eher ein gottgeschaffenes Wesen ist, was seit jeher existiert. In einigen Schriften ist jedoch   einem Vater die Rede, den der neugeborene Phönix zur Stadt Hyperions bringt.[20] Orientiert man sich auch an antiker Literatur, wie beispielsweise Metamorphosen Ovids, klingt es eher danach, als würde alle 500 Jahre ein neuer Phönix aus der Asche seines Vorgängers geboren werden.[21] Ovid schreibt:

Hierauf, heißt es, entsteht aus dem Körper des Vaters ein kleiner Phönix, dem ebenso viele Jahre zu leben bestimmt sind. Hat ihm das Alter die Kraft, die Bürde zu tragen, verliehen, hebt von den Ästen des hohen Baums er die Last seines Nests und trägt seine Wiege getreulich davon und das Grab seines Vaters, kommt durch die leichten Lüfte zur Stadt Hyperions und legt das Nest im Haus Hyperions ab vor der heiligen Pforte.[22]

Dies stünde im Gegensatz zu der Darstellung bei Harry Potter, wo schon allein durch die Weiterverwendung desselben Namens „Fawkes“ suggeriert wird, dass es sich auch um denselben Vogel handelt. Da ein Vatervogel[23] aber zumeist in vormittelalterlichen Texten seine Erwähnung findet, ist anzunehmen, dass sich die Ansichten diesbezüglich mit der Zeit geändert haben, oder der Vorgänger aus anderen Gründen weggelassen wurde, beispielsweise um die Einmaligkeit des Phönix‘ stärker hervorzuheben.

Fazit

Die heutige Darstellung des Phönix‘ bei Harry Potter gleicht der mittelalterlichen und der antiken im Wesentlichen in der Beschreibung des Äußeren und der Eigenschaft, aus der eigenen Asche wieder aufzuerstehen. In der mittelalterlichen Darstellung findet sich außerdem ein deutlicher Gottesbezug, welcher in J. K. Rowlings Erzählung keine Erwähnung findet. Hier hingegen werden für den Phönix magische Attribute, wie die heilenden Tränen oder der wesensverändernde Gesang, als Merkmale angeführt.
Es deutet sich zudem eine Gemeinsamkeit der Darstellungen bezüglich der Fähigkeit an, schwere Lasten tragen zu können, wenn man sein Augenmerk verstärkt auf die antike Überlieferung legt. Unklar ist, ob es in der Zaubererwelt nur einen einzigen Phönix gibt. Dagegen spräche, dass Phönixfedern auch als Kerne von Zauberstäben verwendet werden und der Zauberstabmacher Olivander Harry einmal erklärt, dass der Phönix, dessen Feder in Harrys Zauberstab verarbeitet ist, nur eine weitere Feder für diese Zwecke gegeben habe.[24] Dies wiederum würde zum einen Fawkes als der Spender dieser Federn bedeuten und zum anderen, dass es nur zwei Zauberstäbe in der gesamten magischen Welt mit einem Phönixfederkern gäbe. Dann müssten allerdings alle verbleibenden Zauberstäbe aus Einhornhaar oder Drachenherzfaser bestehen.[25]


[1] Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Chamber of Secrets, London, 1998, S. 155

[2] Ebd.

[3] „a decrepit-looking bird which resembled a half-plucked turkey“, ebd.

[4] Ebd.

[5] Rowling, Joanne K.: Fantastic Beasts and where to find them, London, 2017, S. 69

[6] „Fawkes […] opened his beak wide and swallowed the jet of green light whole: he burst into flame and fell to the floor, small, wirnkled and flightless […] and the baby phoenix Fawkes croaking feebly on the floor“, Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Order oft he Phoenix, London, 2003, S. 719

[7] Der englische Offizier Guy Fawkes (1570-1606) scheiterte 1605 bei dem Versuch, das englische Parlament mit Sprengstoff zu zerstören. Zur Feier des misslungenen Plots wird heute jedes Jahr am 5. November vielerorts in England im Rahmen der Bonfire Night mit Fackelumzügen und dem Verbrennen einer Guy-Fawkes-Puppe des Ereignisses gedacht.

[8] Rowling, Joanne K: Harry Potter and the Chamber of Secrets, S. 232

[9] Vgl. Rowling, Joanne K: Harry Potter and the Chamber of Secrets, S. 232

[10] Rowling, Joanne K.: Fantastic Beasts and where to find them, London, 2017, S. 68f.

[11] Rowling, Joanne K: Harry Potter and the Chamber of Secrets, S. 239

[12] Entlehnt aus dem englischen „appear“ „disappear, Fähigkeit, an einem Ort zu verschwinden, um an einem willentlich gewählten wieder zu erscheinen.

[13]„Ich habe Macht, mein Leben zu lassen und es wieder zu nehmen. Niemand anderer hat über mich Gewalt.“ Schröder, Christian: Der Millstätter Physiologus. Text, Übersetzung, Kommentar, Würzburg, 2005, S. 140-143

[14] Der Phönix steht des Weiteren für die Menschwerdung Christi, die Erlösung, Auferstehung, Taufe und Eucharistie.

[15] Oftmals ist aber auch von Arabien oder Ägypten die Rede.

[16] Schröder, Christian: Der Millstätter Physiologus – Text, Übersetzung, Kommentar, Würzburg, 2005, Vers 179

[17] http://www.uni-lueneburg.de/hyperimage/EbsKart/start.html, zuletzt abgerufen 26.07.2018

[18] Aus Möller, Lenelotte (Übers.): Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Wiesbaden, 2008, S. 480

[19] Vgl. Ebstorfer Weltkarte, siehe http://www.uni-lueneburg.de/hyperimage/EbsKart/start.html

[20] Vgl. Suchier, E: Ovid Metamorphosen aus: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met15de.php, 15, V. 391-407, zuletzt abgerufen 05.08.2018

[21] In einigen Darstellungen wird auch beschrieben, dass der Vorgänger vom neuen Phönix in einer Kugel aus Myrrhe in den Tempel der Sonne gebracht und begraben wird,  Vgl. hierzu auch Herodotus [Verf.]; Nesselrath, Heinz-Günther [Übers.] [Herausg.]: Historien, Stuttgart, 2017, Buch 2

[22] Ovidius Naso, Publius [Verf.]; Holzberg, Niklas [Hrsg.]/[Übers.]: Metamorphosen: lateinisch-deutsch, Berlin, 2017, 15, 401-407

[23] Von einem weiblichen Vorgänger ist nie die Rede. Es ist also davon auszugehen, dass der Phönix immer männlichen Geschlechts ist.

[24] Vgl. Rowling, Joanne K.: Harry Potter and the Philosopher’s Stone, London, 1997, S. 56

[25] Siehe hierzu: https://www.pottermore.com/writing-by-jk-rowling/wand-cores

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.