Die Funktion der übermenschlichen Kräfte im Nibelungenlied

Das Nibelungenlied ist eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur des Mittelalters. Der Recke Siegfried verlässt das Land seiner Eltern in Xanten und damit beginnt die Geschichte des Nibelungenlieds. Er wirbt im Burgundenland um die schöne Königin Kriemhild, gewinnt sie für sich und findet schließlich seinen Tod durch die Hand Hagens. Seine Witwe Kriemhild beschließt seinen Tod zu rächen und ihr Handeln nimmt dabei monströse Ausmaße an, wie hier genauer nachzulesen ist.

Dieser Blogartikel möchte sich mit einer weiteren Figur des Nibelungenliedes beschäftigen: mit der Frau des Königs Gunther, Brünhild. In einem ersten Schritt soll dabei genauer betrachtet werden, inwieweit Brünhild als Monster verstanden werden kann. Anschließend soll der Fokus darauf liegen, wieso diese Monstrosität für den Verlauf des Nibelungenliedes von zentraler Bedeutung ist.

Definition des Monsterbegriffs

Um zunächst untersuchen zu können, ob Brünhild monströse Eigenschaften an den Tag legt, muss der Begriff des Monsters definiert werden. Dazu wird die Definition des französischen Diskurstheoretikers Michel Foucault herangezogen, die bereits für die Untersuchung der Figur Kriemhild verwendet wurde und hier noch einmal nachzulesen ist.

Monstrosität der Brünhild

Um zu untersuchen, inwieweit diese Definition auf Brünhild zutrifft, soll ihre erste Beschreibung im Nibelungenlied aufgegriffen werden. In der sechsten Aventiure des Nibelungenliedes wird sie wie folgt beschrieben:

E(z was ein) kuneginne gesezzen uber sê,
ir gelîche enheine man wesse nider mê,
diu was unmâzen schoene. Vil michel was ir kraft.
si schôz mit snellen degenen umb minne den schaft.

Den stein, den warf si verre, dar nâch si wîten spranc.
swer ir minne gerte, der muose âne wanc
Driu spil angewinnen der frouwen wolgeboren.
gebrast im an dem einem, er hete daz houbet sîn verloren. 1

Zu dieser Darstellung Brünhilds sagt Winder McConnell: »Brunhild’s habit of killing unsuccessful aspirants, an act inherently demonic in its nature, stamps her as a figure of the Other World«. 2Und tatsächlich scheint Brünhilds Stärke und Kraft übernatürlich zu sein. Selbst Siegfried, der mit seiner Stärke und Tapferkeit schon Drachen besiegt hat, braucht einen Tarnumhang, der ihm die Kraft von 12 zusätzlichen Männern verleiht, um Brünhild zu besiegen, wie nachfolgend deutlich wird.

Alsô der starke Sîvrit di tarnkappen truoc,
sô het er dar inne krefte genouc:
wol zwelf manne sterke zuo sîn selbes lîp.
Er warp mit grôzen listen daz vil hêrliche wîp. 3

Die andere Welt, die McConnell beschreibt, scheint sich in ihrer Ordnung grundlegend von der Ordnung des Burgundenlandes zu unterscheiden. Auf Isenstein regiert Brünhild mit ihrer übernatürlichen Macht. Hierzu führt Classen aus:

„[…]es handelt sich nicht bloß um eine komische Auseinandersetzung zwischen einem »Teufelsweib« und dem schwächlichen König Günther, sondern vielmehr um eine solche tiefschichtiger Art zwischen einer männlichen und einer weiblichen Kulturform, zwischen Matriarchat und Patriarchat […]“ 4

Beziehen wir diese Beschreibungen der Brünhild nun auf die eingangs herangezogene Definition des Monströsen von Foucault, lässt sich durchaus argumentieren, dass Brünhild als Monster oder übernatürliches Wesen verstanden werden kann. Aus der Perspektive der Burgunden bricht sie durch die Tatsache, dass sie als Frau unabhängig von einem Ehemann ein Land regiert und Befehle an Gefolgsleute erteilt, mit den Gesetzen der Gesellschaft und der Natur. Das Verständnis der höfischen, gesellschaftlichen Ordnung der Burgunden wird durch die Existenz Brünhilds auf den Kopf gestellt.

Darüber hinaus besitzt Brünhild Kräfte, die weit über das Menschliche hinausgehen. Sie wirft Steine weiter, als jeder andere, springt diesen mühelos hinterher und händelt Schwert und Schild, die ihr nur durch die gebündelte Kraft zahlreicher Gefolgsleute angereicht werden können, mühelos. 5 Ihr Umgang mit erfolglosen Eheanwärtern nimmt laut McConnell dämonische Ausmaße an und macht sie zu einer Figur einer anderen Welt. 6

Funktion der übermenschlichen Kräfte im Nibelungenlied

Im Folgenden soll untersucht werden, welche Funktion Brünhild mit ihrer übermenschlichen Kraft und ihren dämonischen Zügen für den Verlauf des Nibelungenlieds hat. Wie bereits beschrieben, beginnt die Geschichte mit dem Aufbruch Siegfrieds in das Burgundenland. Brünhild scheint für die Geschichte eine ebenso zentrale Rolle zu spielen und leitet durch ihre Monstrosität immer wieder neue Wendungen ein.

Zuerst ist der Sieg über Brünhild für das Glück Siegfrieds und Kriemhilds zentral. Der Erfolg der Brautwerbung Gunthers um Brünhild, ist die Voraussetzung der Hochzeit zwischen Siegfried und Kriemhild. So fordert Siegfried von Gunther:

(D)es antwurte Sîvrit, der Sigmundes sun:
„gîstu mir dîne swester, sô will ich ez tuon,
di schoenen Kriemhilde, ein kuneginne hêr.
sô ger ich deheines lônes nâch mînen arbeiten mêr.“

„Daz lob ich“, sprach dô Gunther, „Sîvrit, an dîne hant.
und kumt diu schoene Brünhilt her in ditze lant,
sô will ich dir ze wîbe mîne swester geben.
sô mahtu mit der schoenen immer vroeliche leben.“ 7

Das Bezwingen der übermenschlichen Kräfte Brünhilds, ist für Siegfried der Schlüssel zum Glück, also zu seiner Hochzeit mit Kriemhild. Wie bereits beschrieben, muss er sich dazu jedoch seines Tarnumhangs und damit einer List bedienen. Schon an diesem Punkt sagt der Erzähler der Sage großes Unglück voraus. 8  Selbst nachdem Siegfried Brünhild im Kampf besiegt und sie sich anschließend dazu bereit erklärt Gunther und seinen Gefolgsleuten in das Burgundenland zu folgen, sind ihre Kräfte weiterhin übermenschlich und sie reiht sich keinesfalls in die gesellschaftliche Ordnung des Burgundenlandes ein. Sie erscheint an diesem Punkt weiterhin willensstark und ungezähmt. Brünhild wittert bereits den Betrug, der an ihr begangen wurde. Dieser Verdacht verstärkt sich, als sie die Vermählung zwischen Siegfried und Kriemhild beobachtet:

Der kunic was gesezzen unt Brünhilt diu meit.
dô sach si Kriemhilde, dône wart (ir) nie sô leit,
bî Sîfride sitzen. weinen si began.
ir vielen heize trehene uber liehtiu wange dan.

Dô sprach der wirt des landes: „vil liebiu vrouwe mîn,
war umbe lât ir trüeben vil liehter ougen schîn?
ir muget iuch vreun balde. Iu ist undertân
mîn lant unt mîne burge unt manic waetlicher man.“

„Ich mac wol balde weinen“, sprach diu schoeniu meit.
„umb dîne swester ist mir von herzen leit.
di sihe ich nâhen sitzen dem eigenholden dîn.
daz muoz ich imer weinen, sol si alsô verderbet sîn.“ 9

Als Gunther im Anschluss versucht seiner Ehefrau die Jungfräulichkeit zu nehmen und sie ihn zurückweist, zeigt sich abermals Brünhilds übernatürliche Kraft. Nach einer weiteren seiner körperlichen Annäherungen, hängt sie den König kopfüber an die Wand, um ihre Jungfräulichkeit zu schützen. Nur solange Brünhild unberührt bleibt, bleibt ihre übermenschliche Stärke bewahrt. Solange sie ihren eben bereits erwähnten Verdacht nicht aus der Welt geschafft hat, möchte sie daher jungfräulich bleiben. 10

Gunther benötigt abermals Siegfrieds versteckte Hilfe, um seine Frau zu bändigen. Nur mit Hilfe des Tarnmantels (vorher noch Tarnumhang) gelingt es den beiden Männern Brünhild zu überwältigen und zu bezwingen. Es wird also wiederum deutlich, dass sich die monströsen Kräfte Brünhilds nur durch ein magisches Hilfsmittel bezwingen lassen. 11

Dies ist eine Stelle des Nibelungenliedes, an der die Monstrosität der Brünhild eine zentrale Rolle spielt, denn nur durch eine List ist ihre übermenschliche Kraft zu besiegen. Damit leitet der zweite Betrug an Brünhild eine Wendung in der Handlung ein. Lienert schreibt dazu: „Die Katastrophe des Nibelungenliedes wurzelt nicht in strukturellen Mißverhältnissen, sondern im Werbungs- und Brautnachtbetrug an Brünhild.“12 Damit macht sie deutlich, wie zentral diese beiden Stellen für den Verlauf des Werkes sind. Die Monstrosität der Brünhild, die bezwungen werden muss, ist in diesem Zusammenhang elementar.

Brünhild erfährt einige Aventiuren später von Kriemhild von dem Betrug um das Abhandenkommen ihrer Jungfräulichkeit und es entsteht eine verbitterte Feindschaft zwischen den beiden Frauen. Von dieser List und der Feindschaft der Königinnen, berichtet Brünhild anschließend Hagen von Tronje. Betrogen und ihrer monströsen Kraft auf unrechtsame Weise beraubt, entschließt sie sich gemeinsam mit Hagen an Siegfried zu rächen.

Er vrâgete, waz ir waere. weinende er si vant.
dô sate si im diu maere. er lobt ir sâ zehant,
daz ez erarnen müese der Kriemhilde man,
oder er wolde nimmer dar umbe vrôlich gestân.
Zuo der rede kom dô Ortwîn unt Gêrnôt,
dâ di helde rieten den Sîfrides tôt.[…] 13

Es sind die inzwischen abhandengekommenen magischen Kräfte und der entdeckte Betrug, die zu dem Entschluss führen Siegfried zu töten. Die nun nicht mehr vorhandenen monströsen Kräfte der Brünhild führen also dazu, dass das Nibelungenlied seinen entsprechenden Verlauf nimmt.

Interessant ist, dass Brünhild nach diesem zentralen Wendepunkt bis auf einige kleinere Erwähnungen im Verlaufe des Nibelungenliedes nicht mehr vorkommt. Es scheint, als hätte sie mit dem Abhandenkommen ihrer Monstrosität auch keinerlei Funktion für den Verlauf des Epos mehr.

Fazit

Es lässt sich also zusammenfassen, dass die Monstrosität Brünhilds vor allem in ihrer übermenschlichen Kraft und (Willens-)stärke begründet liegt. Auf Isenstein lässt die mächtige Königin mit übermenschlichen Kräften jeden, der um ihre Hand anhalten will, sie im Wettkampf allerdings nicht besiegen kann, hinrichten. Diesen Akt beschreibt McConnell als „inherently demonic in its nature“. 14

Die übermenschliche Stärke und Kraft der Brünhild sind dabei für den Verlauf des Nibelungenliedes immer wieder von zentraler Bedeutung. So kann die Königin zweimal nur unter Zuhilfenahme eines magischen Tarnumhangs besiegt werden. Dabei ist der erste Sieg über Brünhild Voraussetzung für die Vermählung der beiden Hauptfiguren Siegfried und Kriemhild und damit zentral für die anschließende Handlung.

Ebenso zentral ist der zweite Betrug an Brünhild, wobei ihr wiederum unter Zuhilfenahme des magischen Tarnumhangs ihre Jungfräulichkeit und damit ihre übernatürliche Kraft genommen wird. Diese Aufhebung des Übermenschlichen und der damit verbundene Betrug, führen zu dem Entschluss Hagens, Siegfried zu töten. Der Tod Siegfrieds leitet damit inhaltlich einen neuen Teil des Nibelungenliedes ein, in dem Kriemhild beschließt sich zu rächen und ihre höfischen Umgangsformen und die gesellschaftlichen Erwartungen an sie darüber vergisst. Hier ist also die inzwischen abhanden gekommene Übermenschlichkeit Brünhilds der Ausgangspunkt für eine inhaltliche Wendung.

Es ist also deutlich geworden, dass die übermenschlichen Fähigkeiten Brünhilds für die Handlung des Nibelungenliedes von zentraler Bedeutung sind.

  1. Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Reclam 2011. Strophe 324f.
  2. McConnell, Winder: The Nibelungenlied. Boston: Twayne 1984. S.45.
  3. Das Nibelungenlied. Strophe 335.
  4. Classen, Albrecht. Matriarchalische Strukturen und Apokalypse des Matriarchats im Nibelungenlied. In: Erhart, Bachleitner, Begemann, Hübinger (Hg.): Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Vol.16/1. Berlin: De Gruyter 1991, S.1-31(hier S.7).
  5. Vgl. Das Nibelungenlied. Strophe 435.
  6. McConnell. S.45.
  7. Das Nibelungenlied. Strophe 331f.
  8. Vgl. Das Nibelungenlied. Strophe 336.
  9. Das Nibelungenlied. Strophe 615ff.
  10. Das Nibelungenlied. Strophe 632-636.
  11. Das Nibelungenlied. Strophe 650-675.
  12. Lienert, Elisabeth: Perspektiven der Deutung des „Nibelungenliedes“. In: Heinzle, Joachim (u.a.) (Hg.): Die Nibelungen. Sage – Epos – Mythos. Wiesbaden: 2003. S.91-112. (hier S.94). 
  13. Das Nibelungenlied. Strophe 861f.
  14. McConnell, S.45.

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